1. Waterloo-Modell des Captain Siborne - Fortsetzung des Angriffs der Englischen Gardekavallerie

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Die Garde-Brigade setzte ihren Angriff unten am Anhange rechts und zum Theil links von La Haye Sainte mit der ausgezeichneten Tapferkeit und mit dem besten Erfolg fort; das erste Regiment Leibgarde schwenkte und drang heftig auf den Nachtrab der Kürassiere, als ein bedeutender Theil derselben unordentlich nach demjenigen Theile der Hochstraße zwischen dem Obstgarten von La Haye Sainte zustürzte, welcher zwischen hohen Abhängen liegt und auf diese Weise ganz von Flüchtlingen angefüllt war. Viele von ihnen, die ihren Rückzug so stark verhindert sahen, wendeten sich wieder gegen den Feind und es erfolgte ein verzweifeltes Handgemenge, welches indessen schnell durch ein verwüstendes Feuer beendet ward, das über das erste Garderegiment von der Spitze der Anhöhe herab gerichtet ward von den leichten Truppen von Bouhelou’s [!] Division, welche die Höhen besetzten, durch welche die Straße einen Durchschnitt bildete. Die königlichen Garde-Dragoner verließen diesen Kampf zu ihrer Rechten, rasselten über das Pflaster und erstiegen kühn die feindliche Stellung. Zur Linken hatte sich mit ihnen das 2te Garderegiment verbunden, was links von La Haye Sainte herkam. Mit diesen wurden nun die Königlichen und die Inniskillings-Dragoner verbunden, während weiter links die schottischen (Greys) standen, - die ganze Linie scheinbar ohne alle Ordnung, rasend ihren wilden Lauf verfolgend, wie trunken vom Übermaß ihres Triumphs. Hier war es, wo Lord Uxbridge, der den Angriff in Person geleitet und Alle durch sein Beispiel angefeuert hatte, sich ängstlich nach Unterstützung umsah, auf die er so zutrauensvoll rechnete; als er zu seiner größten Verwunderung und Bekümmerniß entdeckte, daß keine bei der Hand war. Ponsonby’s eigene Reserve, welche Lord Uxbridge selbst durch die schottischen Dragoner (Greys) gebildet hatte, war nothwendig in der Fronte verwendet worden auf die oben beschriebene Weise, wovon er bei seiner Stellung als Führer der Frontlinie ganz ununterrichtet war. Die Reserve von Somerset’s Brigade, bestehend aus der blauen Garde war während des Angriffes zur Fronte herangekommen und hatte sich mit ihm vereinigt.

Das Regiment ward gut geleitet und durch seine verhältnißmäßig gute Ordnung die Zurückziehung des übrigen Theiles der Brigade von weiterer Verfolgung sehr erleichtert. Doch stand es auf der linken Seite der Hochstraße hinter Ponsonby’s Linie, um diese, wie höchst nöthig, zu unterstützen. Lord Uxbridge konnte nicht auf diese Umstände bei beiden leichten Cavalerie-Brigaden rechnen, die auf der äußersten Linken standen und zur Unterstützung von Ponsonby’s Vorrücken herangekommen waren, in Übereinstimmung mit den allgemeinen Instructionen, die den Brigadiers hinsichtlich gegenseitiger Unterstützung gegeben worden waren. Zwar war Vandeleur’s Brigade, die nächste dann in Bewegung, um ihnen Beistand zu leisten, allein ihr Fortschritt wurde unglücklicher Weise dadurch sehr gehemmt, daß sie erst eine retrograde Bewegung machen musste, um durch einen Hohlweg zu kommen, der sie von den Truppen zu ihrer Rechten trennte. Vergeblich befahl Lord Uxbridge zu halten und sich wieder anzuschließen, weder seine Stimme, noch die Trompete wurde gehört. Wenige Minuten nachher sah man die vorgerückte Linie die feindliche Stellung besetzen. Die königlichen Garde-Dragoner wurden plötzlich einem mörderischen Feuer von den Batterien und von Bachelu’s Infanterie-Colonnen zu ihrer Rechten ausgesetzt, und als man ein starkes und wohlforcirtes Kürassier-Corps auf dem Punkte sah, an der Niederung, jenseits der Höhe vorzurücken, die sie so keck erstiegen, so wandten jene mit den Garden und Inniskillings, die sich angeschlossen hatten, sich zu einem schleunigen Rückzug. Die schottischen (Greys) zugleich mit vielen der Garden und Inniskillings stürzten sich unter die Batterie in dieser Richtung hin, hieben die Kanoniere nieder und erstachen die Pferde, bis sie das Heranrücken eines Corps französischer Lanciers bemerkten, die schräg von der linken Seite auf die Arena dieses merkwürdigen Kampfes herabkamen. Nun zogen jene sich zurück, doch mit ihren verwundeten und erschöpften Pferden wurden sie bald von den Lanciers überholt. Diese bildeten den Vortrab von Jaquinots leichter Cavalerie-Brigade, welche aus unverantwortlicher Nachlässigkeit den angreifenden Infanterie-Colonnen keinen schnellen und eifrigen Beistand geleistet hatte.

Die beiden britischen schweren Cavalerie-Brigaden waren nun in vollem Rückzuge. Die Brigade Somerset gewann ohne große Belästigung ihre frühere Stellung wieder, doch Ponsonby’s Dragoner, besonders die Greys, welche auf der äußersten Linken waren, litten sehr durch Jaquinot’s Lanciers und Chasseurs, da der größßere Theil von ihnen in einem Zustande von äußerster Verwirrung und Erschöpfung war, während jene, ihnen an Zahl unendlich überlegen, in guter Ordnung und auf ganz frischen Pferden waren. Zur Rechten griffen die Lanciers in offener Colonne an; der Rest, der sich gegen die Linke ausbreitete, zerstreute sich rasch über die Ebene, warf sich auf die Vereinzelten und Verwundeten, was nur von britischer Cavalerie ihnen nahe kam; zugleich flößten sie demjenigen Theil ihrer eignen zerstreuten Infanterie, der noch im Rückzuge begriffen und in Unordnung war, Muth und Vertrauen ein.

Endlich traf die so dringend nöthige Unterstützung von Ponsonby’s Brigade auf der linken Flanke ein. Vandeleur hatte, nachdem er durch den Hohlweg gegangen war, der seinen Fortgang zu der Scene der Handlung unterbrochen, den Theil der Stellung erreicht, welcher von Best’s Hannöverscher Brigade besetzt war, durch welche er nun zu der Fronte in Divisionen vorrückte. Das 12te leichte Dragoner-Regiment, das an der Spitze stand, bewegte sich schnell den Abhang hinab; das 16te Regiment blieb etwas höher stehen, während das 11te auf dem Kamm des Hügels als Reserve aufgestellt ward. Das 12te und 16te zogen sich rechts der Linie zusammen. Als Oberstlieutenant Ponsonby, der das 12te Regiment commandirte, die Verwirrungunter der französischen Infanterie im Thale, so wie die höchst kritische Lage einer Menge zerstreuter rother Dragoner nahe dem Höhepunkte der französischen Stellung bemerkte, griff er augenblicklich eine Masse ungeordneter Infanterie an, die zwischen ihn und jene Dragoner gekommen waren. Diese Infanterie bestand aus der  hintersten Reserve-Colonne von Marcognet’s Division und war die einzige unter den angreifenden Colonnen, die noch nicht in den Kampf gekommen. Jetzt war sie nun bestimmt, das Schiksal der anderen zu theilen. Schon aber mit durch die Unordnung, in welche die ganze Infanterie zu ihrer Linken gerathen war und nun so plötzlich und unerwartet von der rechten Seite her attakirt, wurde sie durch den Angriff des 12ten Regiments durchschnitten. Diese Dragoner bahnten sich mit Gewalt einen Weg durch die Colonne, wodurch die Ornung derselben natrürlich sehr aufgelöst wurde, und kamen den Lanciers, die Ponsonby’s Brigade verfolgten, in die rechte Flanke. Sie behaupteten ihren Ritt und stürzten sich unter die französische Cavalerie und indem sie fast perpendicular auf ihre Flanke losgingen, stürzte sie alles vor sich nieder, was unmittelbar vor ihrer Fronte war. Das 6te leichte Dragoner-Regiment, Vandeleur an ihrer Spitze griffen tapfer die Fronte der Lanciers an, deren weiteres Vorrücken durch diesen doppelten Angriff völlig verhindert ward. Auf ihrer äußersten Rechten kam das 16te Regiment beinahe mit einigen der retirirenden Dragoner zusammen, doch die zwei Regimenter trieben glücklich die französische leichte Cavalerie wieder nach der Thal-Ebene zurück, die sie nicht zu überschreiten, vor ihrem Angriffe Befehl erhalten hatten. Einige Wenige vom 12ten und 16ten Regimente stürzten nichtsdestoweniger thörichter Weise die entgegengesetzte Höhe hinan, wo zu dieser Zeit frische Truppen angelangt waren, die sie für ihre Thorheit büßen ließen.

Mittlerweile war Merle’s holländisch-belgische Brigade auf dem Kamm der Haupt-Position herangekommen, links von Vandeleur’s Brigade, doch nur ein kleiner Theil davon ging den Hügel hinab und folgte dem 12ten leichten Dragoner-Regimente. Sie schien am Angriff keinen thätigen Antheil zu nehmen. Vermutlich wurde sie durch das lebhafte Feuer, das Durutte’s Avantgarde von einer kleinen Anhöhe und Hecke unten am Abhange unterhielt und wovon auch das 12te Dragoner-Regiment vorher viel gelitten hatte, zurückgeschreckt.

Als Vivian von der äußersten Linken herkam und etwas an den Abhang hinunterging, um Beobachtungen anzustellen, und Ponsonby’s Brigade in Unordnung die französischen Höhen angreifen sah, sandte er sogleich dem 10ten und 18ten britischen Husaren-Regimente Befehl, sich durch den Hohlweg zu ihrer Rechten zu bewegen, und ließ das andere Regiment seiner Brigade, das 1ste Husaren-Regiment von Königs deutscher Legion, zurück, um auf die Linke ein Augenmerk zu richten. Ganz kurz darauf zogen zwei Kanonen, von seiner reitenden Batterie en avance detachirt, auf dem Kamme der Haupthöhe auf; hatten aber kaum ihr Feuer eröffnet, als ein wohlberechneter Schuß von einer der französischen Batterien durch die Munitions-Kästen fuhr und eine Explosion verursachte, die auf Seiten der französischen Artillerie ein lautes Triumphgeschrei veranlasste. Nachdem der Angriff von Vandeleur’s Brigade, sogar ohne thätigen Beistand ihrer eignen Reserve (des 11ten Regimentes leichte Dragoner) von günstigem Erfolg gewesen war, fand man das Vorrücken des 10ten und 18ten Husarenregimentes nich nöthig; sie blieben vielmehr in ihrer neuen Stellung rechts von der kleinen Straße, die nach Verd-cocou führt, und die zwei Kanonen gingen wieder zu ihrer Batterie zurück.

Das Raketen-Korps des Major Whinyate war auf die Spitze des Haupthügels von seiner vorherigen Reserve-Stellung nahe bei Mont St. Jean heraufgezogen, und die Raketen-Abtheilungen bewegten sich nun an den Fuß des äußeren Abhanges herab, von wo sie auf die französischen Truppen, die sich dann auf den entgegengesetzten Anhöhen formirt hatten oder im Begriff standen sich wieder zu formiren, mehrere Raketen warfen. Sogleich nach Leistung dieses Dienstes, der tapfer und geschickt geleitet ward, ging die Truppe wieder zu ihren Kanonen auf der Spitze der Position zurück.

In der allgemeinen Verwirrung, welche durch den Angriff der britischen schweren Dragoner und durch Niederlage solcher Massen von Infanterie verursacht und durch die nachfolgenden Angriffe erst der französischen Lanciers und dann der 2 Regimenter britischer leichter Cavalerie noch vermehrt ward, entstanden schwere Verluste auf beiden Seiten, und die britische Armee ward einiger ihrer glänzendsten Zierden beraubt. Der tapfere Anführer der Union-Brigade ward ein Opfer seines ritterlichen und patriotischen Eifers, als er zur alliierten Stellung zurückzukehren versuchte, nachdem er die angestrengtesten, doch fruchtlosen Versuche gemacht hatte, seine Leute von ihrer wilden Verfolgung des Feindes abzuhalten und sie aus einen Kampfe zurückzuziehen, in welchem sie schon unsterblichen Ruhm eingeerndtet hatten. Aufgehalten durch eine Parthie Lanciers auf dem weichen Boden eines neugepflügten Feldes, aus welchem sich sein erschöpftes Roß nicht herauszuarbeiten vermochte, fiel er unter ihren tödlichen Lanzenstößen. Sir William Ponsonby hatte sich als Cavalerie-Officier in Spanien ausgezeichnet, und abgesehen von seinen militärischen Verdiensten, die von Vorgesetzten und Untergebenen gerecht geschätzt wurden, machte sein liebenswürdiger Charakter und seine persönlichen Tugenden ihn bei allen seinen Cameraden beliebt. Sein eben so tapferer Namensvetter, Oberst Fr. Ponsonby, versuchte nach seinem glänzenden Angriff mit dem 12ten leichten Dragoner-Regiment erst durch eine Colonne Infanterie, dann auf die rechte Flanke der Lanciers, sein Regiment von weiterer Verfolgung zurückzuziehen, als er, an beiden Armen durch Wunden unfähig gemacht, von seinem Pferde hinauf zur Spitze der französischen Stellung getragen ward, wo er durch einen Säbelhieb besinnungslos zu Boden gestreckt wurde; man vermuthete allgemein, er sei auf dem Felde geblieben. Oberstlieutenant Hay, der das 16te leichte Dragoner-Regiment commandirte wurde höchst gefährlich verwundet. Oberst Hamilton, der Befehlshaber der schottischen Dragoner (Greys), wurde, nachdem er sein Regiment durch die feindlichen Colonnen tapfer über das Thal und auf die entgegengesetzten Anhöhen geführt hatte, zum letztenmal weit vor seinen Truppen voraus gesehen, wornach man, da er niemals wieder zum Vorschein kam, vermuthete, er sei als ein Opfer seiner ausgezeichneten aber zu voreiligen Tapferkeit mitten unter den französischen Linien gefallen. Oberst Fuller, der das erste Regiment königlich Garde-Dragoner commandirte, wurde getödtet, als er bei Verfolgung der Kürassire sein Regiment kühn die französische Anhöhe hinaufführte auf der alliierten linken Seite der Straße von Charleroi. Überdies erlitt die britische Cavalerie in dieser Affaire einen schweren Verlust an Officieren und Mannschaft.

Mit Ausnahme der Leichname der Gefallenen, so wie derjenigen Verwundeten, welche zu weit von ihren Linien entfernt waren, als daß sie hätten weggebracht werden können, endlich der ledigen Pferde, von denen einige wild umher trabten, andere ruhig grasten und viele schwankten, niederstürzten oder vor Schmerz von ihren Wunden den Boden scharrten, war der Schauplatz dieses furchtbaren Kampfes, der nur wenige Minuten vorher zu Ende ging, nun völlig rein. Die zurückziehenden Haufen der französischen Infanterie waren hinter dem vordersten Hügel ihrer Position verschwunden, um ihre zerstreuten Überreste zu sammeln und wieder in Ordnung zu bringen. Die britische Cavalerie war auf ähnliche Weise beschäftigt – Somerset’s Brigade rechts von der Charleroi-Straße, nahe am Obstgarten der Meierei Mont St. Jean; Ponsonby’s auf der entgegengesetzten Seite der Straße, hinter einem Hügel, der die Niederung unter dieser Meierei begrenzt; Vandeleur’s am innern Abhang der Stellung, weiter rechts, als wo sie früher am Tage gestanden hatte. Pack’s und Best’s Brigaden schlossen sich rechts an Kempt an, so daß sie den Zwischenraum ausfüllten, der durch den Rückzug von Byland’s holländisch-belgischer Brigade entstanden war; und der Hügel in Fronte der Kempt’schen Brigade wurde wieder von drei Compagnien des 95sten Regimentes besetzt, so wie die Meierei La Haye Sainte von dem 2ten leichten Bataillon von Königs Deutscher Legion, verstärkt durch 2 Compagnien des 1sten leichten Bataillons dieses Corps. Generalmajor Sir John Lambert’s Infanterie-Brigade, die bei Mont St. Jean in Reserve geblieben war, hatte sich in Bewegun gesetzt zu der Zeit, da Ponsonby’s Dragoner zum Angriffe vorrückten, und jetzt stellte sie sich links von der Charleroi-Straße auf, als Reserve der 5ten Division.

Die Wichtigkeit der Folgen dieser gänzlichen Zurückschlagung des französischen Angriffs war ganz dem Ruhme gleich zu stellen, durch welchen die Ausführung derselben sich auszeichnete. Der Zwek jenes Angriffes, welcher darin bestand, das Centrum und den linken Flügel der englisch-alliierten Armee zu forciren und ein bedeutendes Truppen-Corps in der Nähe von Mont St. Jean aufzustellen, ward vollständig vereitelt. 3000 Gefangene wurden gemacht; 2 Adler wurden genommen; und 30 bis 40 Kanonen wurden für den Rest des Tages hors de combat gesetzt.